Zusatzhiebe im Staatswald nach dem zweiten Weltkrieg

Zur Brennstoffversorgung von Berlin wurden Holzaktionen durchgeführt. Einen Teil des eingeschlagenen Holzes erhielten die Helfer für den persönlichen Bedarf. 1948 | Verladung von Holz am Bahnhof Rheinsberg Foto: Otto Donath Bundesarchiv, Bild 183-M1203-320 /  CC BY-SA Quelle: Wikimedia Commons

Zur Brennstoffversorgung von Berlin wurden Holzaktionen durchgeführt. Einen Teil des eingeschlagenen Holzes erhielten die Helfer für den persönlichen Bedarf.
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1948 | Verladung von Holz am Bahnhof Rheinsberg
Foto: Otto Donath
Bundesarchiv, Bild 183-M1203-320 /
CC BY-SA
Quelle: Wikimedia Commons

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden von der französischen Militärregierung in den Jahren 1946 bis 1949 sogenannte Zusatzhiebe (F- und E-Hiebe) angeordnet und dabei in Rheinland-Pfalz rund 3,4 Millionen Festmeter Holz eingeschlagen und an französische, dänische und belgische Firmen zwangsverkauft. Die F-Hiebe sollten Ersatz sein für das von der deutschen Besatzung in Frankreich eingeschlagene Holz. Die E-Hiebe sollten durch den Export Devisen für die Versorgung der deutschen Bevölkerung bringen, vor allem mit Nahrungsmitteln.

Diese Zusatzhiebe entsprachen etwa 175 Prozent des normalen Jahreseinschlags aller Waldungen in Rheinland-Pfalz. Sie erfolgten zusätzlich zu der deutschen Holzumlage zur Deckung des Bedarfs der französischen Besatzung, des Bedarfs der zum großen Teil für den Export arbeitenden deutschen Säge- und Holzindustrie und für den seiner Zeit besonders hohen Bedarf der deutschen Bevölkerung an Brenn- und Bauholz.

Die Durchführung der befohlenen Zusatzhiebe und die gesamte Abwicklung der Einschläge stellte die deutsche Forstverwaltung vor sehr schwere Aufgaben, insbesondere, da durch Krieg, Gefangenschaft und Entnazifizierung viele Beamte fehlten und viele Stellen der Verwaltung sowie zahlreiche Reviere mit unerfahrenem Personal besetzt waren.

Der Einschlag des Holzes erfolgte fast ausschließlich durch die Käufer bzw. durch deren Einschlagsunternehmer. Nachfolgend ein Erfahrungsbericht aus der damaligen Zeit:

1946 | In allen Bezirken Berlins wurden Presskohlen und Holz an die Bevölkerung verteilt. Mit kleinen Handkarren wurde das wertvolle Brennmaterial heimgeschafft. Foto: Erich O. Krueger Bundesarchiv, Bild 183-1985-0919-500 / CC BY-SA Quelle: Wikimedia Commons

1946 | In allen Bezirken Berlins wurden Presskohlen und Holz an die Bevölkerung verteilt. Mit kleinen Handkarren wurde das wertvolle Brennmaterial heimgeschafft.
Foto: Erich O. Krueger
Bundesarchiv, Bild 183-1985-0919-500 / CC BY-SA
Quelle: Wikimedia Commons

„Ohne Bedenken forstwirtschaftlicher Art, teilweise ungenügend ausgebildet oder unerfahren, schlugen die personalstarken Kolonnen mit dem einzigen Ziel möglichst großen Verdienstes die zugewiesenen Bestände ein und schonten dabei weder Nachbarbestände, noch Unterwuchs, noch Wege, noch anliegende landwirtschaftliche Grundstücke. Auf der Verwaltungsebene wendeten die Unternehmen selbst oder deren Vertreter diese rigiden Geschäftspraktiken ebenso an und setzten Gewinn über Waldpflege, die Autorität der französischen Forstoffiziere im Rücken. Über Nachforderungen wegen übermäßigen Anfalls von rotfaulem Holz oder Splitterholz oder mit der Behauptung, die auf dem Abteilungszettel angegebene Masse sei beim Einschlag nicht erreicht worden, versuchten sie möglichst viel Kapital (in Form von Rohholz) aus ihrem Kaufvertrag zu schlagen.“

Da die Schläge „auf dem Stock“ verkauft wurden und die Masse vorher nur durch „vorsichtige Schätzungen“ ermittelt worden waren, kam es beim Einschlag oft zu teils erheblichem Mehranfall. Trotzdem lehnten die Firmen eine vorzeitige Einstellung des Einschlages oder die Bezahlung der zusätzlich angefallenen Massen ab. War allerdings der Holzanfall geringer, so wurde die fehlende Masse nachgefordert oder die vorher abgesteckte Schlagfläche überschritten.

1948 | Bekämpfung des Borkenkäfers: Polizei und Feuerwehr beim Aufräumen und Abtransportieren des geschlagenen Holzes. Foto: Erich Dumm Bundesarchiv, Bild 183-2005-0706-516 / CC-BY-SA Quelle: Wikimedia Commons

1948 | Bekämpfung des Borkenkäfers: Polizei und Feuerwehr beim Aufräumen und Abtransportieren des geschlagenen Holzes.
Foto: Erich Dumm
Bundesarchiv, Bild 183-2005-0706-516 / CC-BY-SA
Quelle: Wikimedia Commons

Die großflächigen, wüsten Kahlschläge hatten viele Nebenschäden zur Folge. Die Böden wurden zerfurcht und verdichtet. Sie hagerten aus und verwilderten, denn eine rasche Wiederaufforstung war wegen des damaligen Pflanzenmangels nicht möglich. Wege, Gräben und Durchlässe wurden bei der rücksichtslosen Holzabfuhr zerstört oder schwer geschädigt. Nachbarbestände litten unter Wind- und Sturmschäden, da die räumliche Ordnung gestört war. Die damalige Borkenkäferkalamität wurde sehr verstärkt, da das meist unentrindete Holz, die vielen oft sehr starken Zöpfe und das anfallende Reisig dem Käfer überaus reichlich Brutgelegenheit boten.

Für die Waldbesitzer summierten sich die starken, unplanmäßigen Eingriffe in den Holzvorrat zu sehr hohen Verlusten

  • aus den von der Militärregierung diktierten niedrigen Holzpreisen,
  • aus den groben, ungenauen Massenermittlungen,
  • aus der in diese Zeit fallende Währungsreform,
  • aus den vorgenannten Nebenschäden und
  • aus der Störung der künftigen nachhaltigen Bewirtschaftung.

Im Regierungsbezirk Koblenz betrug die Masse der Zusatzhiebe insgesamt 1.048.624 Festmeter (fm). Davon musste das Forstamt Altenkirchen 39.603 fm liefern.

1950er | Vorne Landhandel Sohnius, hinten Sägewerk Sohnius Im Hintergrund, durch Reparationsausgleich an Frankreich abgeholzter Manchertskopf Archiv: Ulrich Sohnius

1950er | Vorne Landhandel Sohnius, hinten
Sägewerk Sohnius
Im Hintergrund, durch Reparationsausgleich an Frankreich abgeholzter Manchertskopf
Archiv: Ulrich Sohnius

Hiervon kamen

  • aus dem Staatswald: 36 971 fm
  • aus dem Kirchspielwald: 900 fm
  • aus dem Schmeisenbusch (Graf Nesselrode – Waldstück westlich von Flammersfeld an der Straße nach Asbach): 600 fm
  • aus dem gräflichen Berleburg-Wittgensteinschen Wald: 1 042 fm

Von diesem Holz gingen

  • an die Franzosen: 15 710 fm
  • an die Dänen: 17 800 fm
  • an die Belgier: 6 093 fm

Von den 39 603 fm wurden 17 600 fm vor der Währungsreform abgerechnet, aber erst nach der Währungsreform bezahlt. Der Preis pro fm betrug nur 1,71 DM !!!

Um 1946 | Reparationshiebe räumten nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Landstriche leer. Dieses aufgeräumte Waldstück zeigt tiefwurzelnde Baumstümpfe, welche die Hänge vor Erosion schützen sollen bis die Wurzeln von jungen Bäumen in größere Bodentiefen eingedrungen sind. Foto: Wille Bundesarchiv, Bild 183-12052-0008 / CC BY-SA Quelle: Wikimedia Commons

Um 1946 | Reparationshiebe räumten nach dem
Zweiten Weltkrieg ganze Landstriche leer. Dieses aufgeräumte Waldstück zeigt tiefwurzelnde Baumstümpfe, welche die Hänge vor Erosion schützen sollen bis die Wurzeln von jungen Bäumen in größere Bodentiefen eingedrungen sind.
Foto: Wille
Bundesarchiv, Bild 183-12052-0008 / CC BY-SA
Quelle: Wikimedia Commons

Die 36 971 fm des Staatswaldes (304 % des damaligen jährlichen Hiebssatzes) kamen überwiegend aus den heutigen Revieren Fluterschen (10 270 fm) und Flammersfeld (18 537 fm, davon 13 537 fm aus dem Hück).

Am 4. Mai 1949 hat ein Abgeordneter im Landtag zu den Folgen der Zusatzhiebe ausgeführt:

„Die Demontage des Waldes ist schlimmer als die Demontage der Industrie … Das, was unserem armen, schwer geplagten Land heute an Wald genommen wird, das zu ersetzen braucht bei sofortiger Aufforstung die Entwicklung von 60 oder 100 Jahren.“

 

 

Das Forstamt Altenkirchen meldete am 18. August 1950 die folgenden Kahlflächen:1950-Kahlflächen AK

 

Quellenverzeichnisse

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors (Telefonat vom 31.03.2015).
Herr Habbel war von 1967 bis 1986 Leiter des Fortsamtes Altenkirchen.

HABBEL, Werner: Chronik Forstamt Altenkirchen – Ein Beitrag zur Heimatgeschichte des Kreises Altenkirchen,
Landesforsten Rheinland-Pfalz, Münster 1990, S. 144-147.