Erich Kordt: „Nicht aus den Akten …“

Auszug aus dem Buch „Nicht aus den Akten …
Die Wilhelmstraße in Frieden und Krieg. Erlebnisse, Begegnungen und Eindrücke 1928-1945“
erschienen 1950 im Union Verlag, Stuttgart

Erich Kordt (*10. Dezember 1903; 11. November 1969) schildert in seinem Buch
„Nicht aus den Akten … Die Wilhelmstraße in Frieden und Krieg. Erlebnisse, Begegnungen und Eindrücke 1928-1945“
den Aufenthalt des Ministerzuges auf dem Bahnhof Flammersfeld in Seelbach/Wied.

Kordt war deutscher Gesandter im Auswärtigen Dienst und ab 1938
auch Leiter des Ministerbüros von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Am 11. November 1939 plante er sich mit Hitler in der Reichskanzlei in Berlin in die Luft zu sprengen. Das Vorhaben misslang. Die Sicherheitsvorkehrungen waren aufgrund des Anschlages vom 8. November von Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller so verschärft worden,
dass Kordt nicht an den für seinen Anschlag notwendigen Sprengstoff gelangte.

Nach seiner Habilitierung 1948 war er seit 1951 Privatdozent für
Völkerrecht, Staatsrecht und diplomatische Geschichte an der Universität Köln.

 

Kapitel: „SIEGE UND HYBRIS“

„Die Würfel waren gefallen. Beim Morgengrauen des 10. Mai 1940 waren auf Hitlers Befehl die deutschen Truppen in die neutralen Staaten Belgien, Holland und Luxemburg einmarschiert. […]

In Berlin zu bleiben, schien mir unter diesen Umständen keinen Zweck zu haben. Darum hatte ich keinen Versuch gemacht, am anderen Ende des Drahtes zu bleiben, sondern mich auf die Liste des kleinen Stabes  gesetzt, der dem Außenminister ins Hauptquartier folgte, um der Entwicklung möglichst nahe zu bleiben. Das Hauptquartier hatte ich mir allerdings trotz der Erzählungen aus dem Polenfeldzug anders vorgestellt. Der ‚Sonderzug Heinrich‘, der Ribbentrop, Himmler und Lammers beherbergte und aus etwa acht Schlaf- und Salonwagen, zwei Speisewagen, in denen gearbeitet werden sollte, einem Nachrichtenwagen und je einem Flakwagen an der Spitze und am Ende des Zuges bestand, verließ in den frühen Nachmittagsstunde Berlin. Als ich gegen Abend die mitgenommene Post dem Außenminister vorlegte, kamen Himmler und Lammers zu einer Tasse Tee in den Salonwagen Ribbentrops. Ich wurde aufgefordert, während der Unterbrechung dort weiterzuarbeiten und wurde so, ohne mich daran zu beteiligen, Zeuge ihrer Unterhaltung. Die Würdenträger schienen bester Stimmung zu sein. Die Insassen von Militärzügen, die wir auf Bahnhöfen trafen, drängten sich neugierig an den Sonderzug ‚Heinrich‘. Wenn von ihnen auch nicht gerade begeisterte Ovationen dargebracht wurden, so bereitete man doch Himmler, Ribbentrop und Lammers einen durchaus freundlichen Empfang. Sie schienen keinen Augenblick am Endsieg zu zweifeln. […]

Lammers schien vor allem daran interessiert zu sein, wie weit unser Standquartier vom ‚Felsennest‘, dem Hauptquartier Hitlers, entfernt war. Ich hörte jetzt zum ersten Male, daß der ‘Heinrich‘ bei Flammersfeld, rechtsrheinisch, im Westerwald vorläufig stehen bleiben sollte, während Hitlers fliegergeschütztes und hervorragend getarntes Kommandoblockhaus bei Münstereifel lag. Göring, der auch berädert in einem Sonderzuge lebte, war irgendwo in der Eifel in der Nähe eines Tunnels abgestellt. Daß er näher bei Hitler Position genommen hatte, schien Ribbentrop wenig zu passen. Ich hatte den Verdacht, daß die Umgebung Hitlers dafür gesorgt hatte, um von dem penetrant-lästigen Antichambrierer nicht allzu viel gestört zu werden, und daß deshalb das Argument vorgebracht worden war, aus Sicherheitsgründen müsse der Zug in der Nähe eines Tunnels stehen. Ein weiterer geeigneter Fliegerschutz dieser Art könne in der Eifel nicht freigehalten werden. Die Herren beruhigten sich aber bei dem Gedanken, daß ihr Hauptquartier fahrbar sei und infolge des Bewegungskrieges Standortwechseln an der Tagesordnung sein würden.

Nach Einbruch der Dunkelheit langten wir schließlich in Flammersfeld an. Der Bahnhof lag etwas abgelegen vom nächsten Ort, dicht neben einem Sägewerk und schien hauptsächlich für Holztransporte bestimmt zu sein.

Entgegen meiner festen Annahme kam es tatsächlich zu einem Bewegungskrieg, aber unser Hauptquartier blieb während drei Wochen auf dem kleinen Bahnhof im Westerwald stehen. Es wäre sicher ein leichtes gewesen, eines der kleinen, in der Nähe befindlichen leeren Kurheime zu beziehen oder wenigstens den Bürobetrieb dorthin zu verlegen, anstatt Wochen in eine überfüllten Speisewagenhälfte mit verschiedenen ständig klappernden Schreibmaschinen und klingelnde Telefonen zu verbringen. Aber der motorisierte Krieg schien unsere Unterbringung in einem, wenn auch nur dampfgetriebenen Verkehrsmittel erforderlich zu machen. Ich hatte den Eindruck, daß die Räder durch langes Stehen allmählich ovale Formen annahmen und sich an den Speichen Moos ansetzte. Nur die Lokomotive machte täglich eine kleine Spazierfahrt, als wolle sie nicht aus der Übung kommen, wobei sie wohl aus das Kesselwasser erneuerte.

Tunnel Seifen Foto: Wilfried Klein

Tunnel Seifen
Foto: Wilfried Klein

Einmal allerdings setzte sich der Zug doch in Bewegung. Es war Fliegeralarm gemeldet. Ich sprach gerade am Telefon mit Berlin. Die nun einsetzende Geschäftigkeit konnte ich durch die breiten Fenster des Speisenwagens gut beobachten. Die Flakmannschaft, die wochenlang immer die gleichen Griffe an ihren Geschützen geübt hatte, war als erste zu Stelle. Der Stationsvorsteher rannte, um seine rote Mütze zu holen, die er wegen der sommerlichen Hitze in seinem Bahnhofszimmer zurückgelassen hatte, Ribbentrop rief nach seinem Kammerdiner, er solle ihm seinen Stahlhelm bringen. Meine telefonische Reportage über das, was ich sah, mochte gut drei bis vier Minuten gedauert haben, bis der Nachrichtenwagen die Kabel abschaltete und das Gespräch unterbrochen wurde.

Langsam setzte sich der ‘Heinrich‘ in Bewegung, um durch die blühende Landschaft des Westerwaldes zum vorgesehenen ‘Eisenbahnbunker‘ zu fahren. Nach etwa fünf Minuten verlangsamte er seine Fahrt am Eingang des Tunnels [1], um dann anzuhalten. Jetzt aber stellte sich heraus, daß unser Sonderzug reichlich lang geraten war. Lokomotive, Tender und Flakwagen ragten bereits aus dem Tunnel heraus, nachdem gerade zwei der übrigen Wagen darin Platz gefunden hatten. Der schützende Tunnel war nur eine etwas breiter geratene Straßenunterführung. Es erschien kein feindlicher Flieger, sonst hätte er sicher mit Vergnügen Zugkopf und –schwanz wahrgenommen und hätte wohl Überlegungen darüber angestellt, was man von seiner Sicht verstecken wollte. Die Flakkanonen, die infolge der Böschung kein Schußfeld hatten und nur Steilfeuer hätten geben können, würden ihm auch nicht sonderlich imponiert haben. Unsere drei Hauptfiguren versammelten sich in Ribbentrops verdunkelten Salonwagen und kamen überein, daß diese Tarnform im Ernstfall nicht sehr effektiv sein werde. Wenige Minuten später wurde jedoch entwarnt.

1940 | Joachim von Ribbentrop (Mitte) - Wanderung um den Bahnhof Flammersfeld in Seelbach Archiv: Supenkämper

1940 | Joachim von Ribbentrop (Mitte)
Wanderung um den Bahnhof Flammersfeld in Seelbach
Archiv: Supenkämper

Um aber der Sache einen gewissen Sinn zu geben, vielleicht auch um den amüsierten Gesichtern der anderen Insassen zu entgehen, verließen sie den Zug, bevor er wieder an seine alte Stelle fuhr, und wanderten, immer noch stahlhelmbewehrt, neben den Schienen nach Flammersfeld zurück. Dort taten sie ein übriges, ließen sich von unserem jungen Flakoffizier eine Übung der Mannschaft vorführen, wonach Ribbentrop, ganz Staatsmann, die Front der angetretenen Truppe abging, einen jeden mit gewinkeltem Hitlergruß – Handschlag – bewillkommnete und sich dabei ihre Namen und Geburtstorte sagen ließ, die er dann mit einem beifälligen, ‘so, Sie sind aus X‘ wiederholte. Ich habe selten so verdutzte Gesichter gesehen wie bei den netten jungen Soldaten, von denen manch einer sicher noch keinen Minister oder Reichsleiter Hitlers zu Gesicht bekommen hatte.

Aber der Aufenthalt in Flammersfeld hatte nicht nur komische Seiten. Ribbentrop war meist in einer gänzlich unerträglichen Verfassung. Die militärischen Erfolge in ‚seinem Kriege‘ andererseits steigerten seinen Hochmut und seine Abneigung gegen die Beamtenschaft des Auswärtigen Amtes. [ … ]“


[1] Die Rede ist vom Tunnel Nähe Seifen, unweit vom Bahnhof Flammersfeld in Seelbach. Mit Sicherheit haben die Kundschafter sich die Tunnel in Peterslahr und Neustadt als Schutz gedacht. Vermutlich haben aber die Seelbacher Stellwerker in der Eile die Weichen falsch gestellt und so den Sonderzug Richtung Selters (Tunnel Seifen) statt Richtung Linz geführt (Tunnel Peterslahr). Das Resultat: Der Tunnel war zu kurz, um den langen Sonderzug zu verstecken.

 

Quellenverzeichnisse

HANSEN, Hans-Josef: Privatarchiv

WIKIPEDIA: Erich Kordt | Stand: 03. Oktober 2017
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Kordt | Abgerufen: 11. Dezember 2017

DER SPIEGEL: Kordt: Seele des Widerstandes
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44451210.html | Abgerufen: 09. November 2017

DER SPIEGEL: „Kordt, begehen Sie keine Wahnsinnstat“
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44451212.html | Abgerufen: 09. November 2017

WIKIPEDIA: Liste der Attentate auf Adolf Hitler | Stand: 27. Oktober 2017
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Attentate_auf_Adolf_Hitler | Abgerufen: 09. November 2017

WIKIPEDIA: Georg Elser | Stand: 11. Oktober 2017
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser | Abgerufen: 09. November 2017

KORDT, Erich: Nicht aus den Akten …
Die Wilhelmstraße in Frieden und Krieg. Erlebnisse, Begegnungen und Eindrücke 1928-1945
Stuttgart: Union Verlag 1950, S. 384-388

Heimatverein für den Kreis Altenkirchen e.V. (Hrsg.):
Der Bahnhof in Flammersfeld als Zentrum der deutschen Außenpolitik,
 in Heimat-Jahrbuch 2010, S. 40-42

 

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