Dino Alfieri: “Dictators Face to Face”

Auszug aus dem Buch “Diktators Face to Face” erschienen 1954 in
Elek Books Limited, London.
Übersetzung aus dem Englischen von Lina Schäck

Dino Alfieri (*08. Dezember 1886; 02. Januar 1966) beschreibt in dem Buch „Dictators Face to Face“
unter anderem seine Erlebnisse auf dem Sonderzug „Heinrich“
während des Treffens mit dem
Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop
auf dem Bahnhof Flammersfeld.

Alfieri war von 1940 bis 1943 italienischer Botschafter in Berlin. Nach den deutschen Siegen
in Nord- und Westeuropa 1940 wurde Italien Bündnispartner des Deutschen Reichs

im Zweiten Weltkrieg und bildete die Achse Berlin-Rom gegen die Alliierten.
Alfieri überbrachte am 03. Juni 1940 Ribbentrop im Sonderzug „Heinrich“ die Botschaft Mussolinis,
dass Italien am 10. Juni in den Krieg eintrete.

Bei der Sitzung des Faschistischen Großrates 1943 stimmte er für die Absetzung des Duces.
Nach der Befreiung Mussolinis floh Alfieri
in die Schweiz, wurde 1944 in Abwesenheit zum Tode verurteilt,
kehrte jedoch nach dem Krieg nach Italien zurück. 1947 wurde er freigesprochen und als Botschafter pensioniert.

Bis zu seinem Tod war er als Rechtsanwalt in Mailand tätig.

 

Kapitel: „WARUM MUSSOLINI SICH ENTSCHLOSS DEM KRIEG BEIZUTRETEN“

„Am darauffolgenden Tag (Sonntag, dem 2. Juni) erhielt der Führer eine weitere geheime Nachricht vom Duce. Dieses Mal war Mussolinis Ton schon um einiges freundlicher. Nachdem er seine außerordentliche Zufriedenheit über den ’siegreichen Abschluss der gigantischen Schlacht von Flandern, welche nicht nur meinen Enthusiasmus, sondern auch jenen des ganzen italienischen Volkes geweckt hat‘, kündigte er seinen Plan an: ‚Am Montag, dem 10. Juni –ich wiederhole, am 10. Juni-, werde ich den Krieg erklären und am Morgen des 11. werde ich die Kampfhandlungen einleiten.‘ […]

Am nächsten Morgen flog ich früh zum Hauptquartier des deutschen Außenministers, welcher zwangsläufig der Übertragungsweg all meiner Mitteilungen an Hitler war. [1] […]

Von dem kleinen für Notfälle eingerichteten Flugplatz auf dem wir landeten -ich wusste nicht genau, wo wir waren-, wurde ich zu einem in der Nähe gelegenen Platz im ländlichen Raum gefahren. Hier befand sich Ribbentrops Sonderzug, welcher auf einem Abstellgleis direkt neben der Hauptstrecke stand.

Mai-Juni 1940 | Hinterer Flakwagen des Sonderzuges „Heinrich“ auf dem Bahnhof Flammersfeld in Seelbach/Wied Archiv: Sohnius

Mai-Juni 1940 |
Hinterer Flakwagen des Sonderzuges „Heinrich“ auf dem Bahnhof Flammersfeld in Seelbach/Wied
Archiv: Sohnius
Repro: Burkhard Schäck

An jedem Ende des Zuges waren spezielle Waggons, auf denen Flugabwehrkanonen befestigt waren. In der Nähe befand sich ein Tunnel. [2]

Ribbentrop empfing mich in seinem eleganten Salonwagen, welcher mit jeder Annehmlichkeit ausgestattet war, sogar mit Blumen. Er gab sich wie immer auf seine formelle und höfliche Art, und wieder einmal war ich seinem endlosen Händedruck ausgesetzt. Er erzählte mir, dass er zu seinem Bedauern nicht imstande sein würde die Nachricht persönlich zu überbringen, weil der Führer sich auf einer Inspektionsreise befand. Hevel [3], ein hochrangiger Beamter aus der Wilhelmstraße und Verbindungsoffizier zwischen Ribbentrop und seinem Chef, würde seine Arbeit verrichten und ihm die Nachricht sofort auf dem Luftweg übermitteln. […]

Als unsere Unterhaltung endete, fragte er [Ribbentrop] mich, ob ich vor dem Mittagessen gerne einen Spaziergang machen würde. Als er flüchtig auf die aktuellsten Telegramme blickte, fragte er seinen Chefsekretär, ob dieser mich begleiten könne. Er [Ribbentrop] sagte mir, dass Hevel zu dem Zeitpunkt an dem ich zurückkäme, bereits zur Zentrale [Sonderzug „Heinrich“] zurückgekehrt sein würde.

Juni 1940 | Fieseler Storch auf der Äppelswiese
Archiv: Sohnius
Repro: Burkhard Schäck

Während des Mittagessens kündigte Ribbentrop die unmittelbar bevorstehende Einnahme von Dünkirchen an, woraufhin er die Ausrede aufgriff, um sich wieder über militärische Angelegenheiten auszulassen. Plötzlich hörten wir das entfernte Dröhnen eines Flugzeugmotors. Ribbentrop warf einen unruhigen fragenden Blick auf einen seiner Gehilfen, welcher sich respektvoll erhob und ankündigte, dass es Hevels Storch war -ein Fluggerät mit zwei Sitzen und modernstem Design, das in der Lage dazu sei, in jedem noch so begrenzten Raum zu starten und zu landen und das sogar auf unebenem Boden. Obgleich es nur eine Maximalgeschwindigkeit von nicht mehr als neunzig Meilen pro Stunde besitze, habe es sich als extrem nützlich zum Transport von Gebrauchsgütern erwiesen und auch um Befehlshaber zwischen ihren Hauptquartieren und ihren jeweiligen Einheiten hin und her zu befördern. Nachdem das Fluggerät einen weiten Kreis ein paar Fuß über den Eisenbahnwagen gedreht hatte, gleitete es mit seiner leicht geneigten Tragfläche langsam Richtung Boden und landete auf einem schmalen angrenzenden Feld. Es war ein wirklich beeindruckender Anblick.

Juni 1940 | Fieseler Storch mit Wachpersonal
Archiv: Sohnius
Repro: Burkhard Schäck

Hevel, eine feine männliche Gestalt mit ausgezeichnetem Auftreten und angenehmer Art, kündigte an, dass er dem Führer die Nachricht persönlich übermittelt habe, welcher sich dazu verpflichtet habe, seine Antwort innerhalb weniger Stunden zurückzusenden. […]“

 

 

 


[1] Das Hauptquartier des deutschen Außenministers war der Sonderzug „Heinrich“. Gemeint ist das Datum Montag,
03. Juni 1940.

 [2] Die Rede ist vom Tunnel Nähe Seifen, unweit vom Bahnhof Flammersfeld in Seelbach. Mit Sicherheit haben die Kundschafter sich die Tunnel in Peterslahr und Neustadt als Schutz gedacht. Vermutlich haben aber die Seelbacher Stellwerker in der Eile die Weichen falsch gestellt und so den Sonderzug Richtung Selters (Tunnel Seifen) statt Richtung Linz geführt (Tunnel Peterslahr). Das Resultat: Der Tunnel war zu kurz, um den langen Sonderzug zu verstecken.

 [3] Walther Hewel (*25. März 1904; †2. Mai 1945), Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Verbindungsbeamter von Reichsaußenminister Ribbentrop zu Hitler.

 

 

Quellenverzeichnisse

HANSEN, Hans-Josef: Privatarchiv

ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG: Dino Alfieri
URL: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/dino-alfieri/ | Abgerufen: 18. Dezember 2017

ALFIERI, Dino: Dictators Face to Face,
London: Published by Elek Books Limited 1954, S. 42, 43, 44-45.

WIKIPEDIA: Walter Hewel | Stand: 06. Oktober 2017
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hewel | Abgerufen: 18. Dezember 2017

ZUKUNFT BRAUCH ERINNERUNG: Walther Hewel | Stand: 12. Juni 2017
URL: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/walther-hewel/ | Abgerufen: 18. Dezember 2017

 

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